Gedanken zum Lockdown

Gedanken von Stefan Schneider zum Lockdown

Wir alle atmen auf, und das tun wir zurecht! Die Ansteckungszahlen sind seit Wochen tief und bleiben tief, speziell im Thurgau waren und sind wir von der Pandemie zum Glück kaum betroffen. Das Risiko einer ungebremsten Ausbreitung dieses Virus ist in der Schweiz gebannt und eine Überlastung des Gesundheitswesens nicht mehr zu befürchten. Und auch wenn es in den nächsten Wochen oder Monaten wieder zu einem Anstieg der Ansteckungen kommen sollte: Wir sind um Welten besser vorbereitet, als wir es Ende Februar waren!

Inzwischen ist die häufigste Frage, die mir gestellt wird: «War das alles wirklich nötig?» Und dass dies inzwischen die häufigste Frage ist, ist ein riesengrosses Kompliment an den Bundesrat und seine klaren Entscheide Mitte März!

Denn ich habe die Frage ja schon im Titel beantwortet: Ja, der Lockdown war nötig! Er war sowas von unglaublich enorm wahnsinnig extrem bitter nötig, dass ich gar nicht weiss, wo ich mit der Argumentation beginnen soll.

Wären keine Massnahmen ergriffen worden …

Ich starte mal damit: Erinnern wir uns an die Modelle über den wahrscheinlichen Verlauf dieser Pandemie, die Ende Februar verschiedentlich publiziert wurden. Da waren sich alle Epidemiologen im Grundsatz einig: Ohne Gegenmassnahmen hätten sich in der Schweiz in den folgenden ein bis zwei Monaten über eineinhalb Millionen Menschen mit dem Virus angesteckt. Davon wären 5 bis 10% der Infektionen so schwer verlaufen, dass die Patienten spital- oder intensivbehandlungsbedürftig geworden wären. 85’000 bis 170’000 schwer Erkrankte bei schweizweit etwa 4000 bis 6000 verfügbaren Spitalbetten und etwa 2000 Intensivpflegebetten – man kann sich leicht ausmalen, was das bedeutet hätte! Denn: schwerer Verlauf, keine Behandlung = sehr hohes Risiko, an der Krankheit zu sterben.

Ausbreitung

Deshalb müssen wir dringend die Corona-Massnahmen befolgen.

Im schlimmsten Fall erkranken rund 60 Prozent der Schweizer Bevölkerung am Coronavirus.

Quelle: Watson

Neuansteckungen Vergleich Schweden – Schweiz

Es war ein mutiger Weg, den Schweden versuchte, aber er scheint nicht funktioniert zu haben.

Die Schweiz konnte das Virus immer mehr eindämmen, während die Infektionszahlen in Schweden praktisch unverändert blieben.

Quelle: Watson

Anzahl Infizierte pro 100’000 Einwohner

Quelle: Watson

Raus aus der Intensivstation, aber nicht gesund

Bei den Todesfällen dominieren weiterhin die Patienten über 80 Jahre. Aber eben hat die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin die Zahlen herausgegeben, wer in den letzten drei Monaten wegen COVID-19 eine intensivmedizinische Behandlung benötigte. Und das war auch für mich neu: Knapp die Hälfte dieser Patienten waren unter 70 Jahren alt! Sie konnten zwar fast alle die Intensivstation wieder verlassen, aber sie sind nicht «fröhlich pfeifend» rausspaziert, sondern verblieben meist noch eine Weile auf der Normalstation, viele benötigten anschliessend noch Reha und sind teils noch immer dort. Denn man hat gesehen, dass die schwer verlaufenden Infektionen nicht nur die Lunge betreffen, sondern zum Beispiel auch das Herz, die Nieren oder das Gehirn. Also überlebt, ja, aber sofort wieder ganz gesund? Nein!

Das bedeutet: Bei einer totalen Überlastung des Gesundheitswesens wären ohne Spital- oder Intensivbehandlungsmöglichkeiten auch Zehntausende von unter 70-Jährigen gestorben. Dies relativiert für mich die Diskussion um die wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns, denn auch dieses Szenario hätte in der Wirtschaft tiefe Spuren hinterlassen, vom enormen menschlichen Leid ganz zu schweigen.

Deshalb nochmal: Ja, das alles war bitter nötig!

Zu wenig Personal

Als Zweites möchte ich ein spannendes Interview zur Situation der letzten Monate erwähnen, das der Chef der Intensivstation des Unispitals Zürich gab. Die Intensivstation des grössten Schweizer Unispitals war Mitte April – also gut einen Monat NACH dem Lockdown – nahe an ihren Kapazitätsgrenzen. Das Spital hätte noch zusätzliche Beatmungsgeräte gehabt, hätte wohl mithilfe des Militärs auch noch zusätzliche Betten bereitstellen können, wäre aber beim Personal sofort an seine Grenzen gestossen. Nicht auszumalen, wie es dort ausgesehen hätte, wenn der Bundesrat tatenlos zugesehen hätte. Und genau deshalb haben ja auch ausnahmslos alle Regierungen aller Länder dieser Welt teils rigoros in die persönlichen Freiheiten ihrer Bürger eingegriffen.

Nur eine Grippe? Nein!

Jetzt möchte ich aus einem Tweet eines amerikanischen Chefarztes einer Intensivstation in der Stadt New York zitieren, die ja sehr stark betroffen war. «Wenn mir die Menschen sagen ‹das ist doch nur eine Grippe›, dann entgegne ich ihnen wie folgt: Ich habe in den letzten Jahrzenten schon die eine oder andere heftige Grippewelle erlebt. Aber ich habe es noch nie erlebt, dass sich etwas ausgebreitet hat, bei dem wir mehrere Abteilungen voll mit Patienten mit nur einer Krankheithatten, bei der die Patienten alle wegen der gleichen Komplikation intensivpflichtig wurden (diese bilaterale interstitielle Pneumonitis) und bei der die Patienten, die gestorben sind, alle an den gleichen Komplikationen gestorben sind. Und ich habe noch nie eine Infektionswelle erlebt, bei der viele meiner MitarbeiterInnen an derselben Krankheit erkrankten und einige sogar daran gestorben sind – es soll mir also keiner kommen mit ‹es ist doch nur eine Grippe›!»

Traurige Szenen weltweit – die Schweiz blieb verschont

Zuletzt möchte ich an die Bilder von Wuhan erinnern, wo die Chinesen innert weniger Wochen riesige zusätzliche Spitäler hochgezogen haben, um alle Patienten versorgen zu können. Ich möchte an die Dutzenden von Patienten in den Gängen der Spitäler der Lombardei und an die Berge von Särgen davor erinnern, an die Situation in Madrid, wo die Ambulanzen auf Notrufe aus gewissen Altersheimen gar nicht mehr reagierten, weil sie nicht wussten wohin mit den Patienten und davon ausgingen, dass die Patienten eh sterben würden. Ich erinnere die Bilder aus New York, wo die Ambulanzen vor den Notfallstationen Schlange standen – all das wäre auch bei uns passiert, wenn man nicht schnell und kompromisslos eingegriffen hätte! Und ganz aktuell: Man braucht nur auf die SRF-Homepage zu gehen, die Seite «Internationale Lage» wählen und den Abschnitt zu Brasilien zu lesen und man bekommt live mit, was passiert, wenn man nicht rasch und konsequent handelt («viele Intensivstationen Kapazitätsgrenzen erreicht … es werden Notspitäler errichtet … die Verstorbenen werden in Massengräbern begraben …»).

Ja, der Lockdown war nötig

Der Preis dafür ist hoch, keine Frage, die wirtschaftlichen Folgen dieser Pandemie sind enorm und ich möchte sie keineswegs kleinreden, daran werden wir noch Jahre bis Jahrzehnte zu kauen haben. Aber die Frage ist: Was hätte es für die Wirtschaft bedeutet, wenn Tausende von Menschen gestorben wären, die mitten im Arbeitsleben standen? Was hätte es für Folgen gehabt, wenn nochmal Zehntausende zwar nicht daran gestorben wären, aber die Krankheit teils nur mit deutlich verminderter Arbeitsfähigkeit überlebt hätten? Und wie viel menschliches Leid hätte es über die Schweiz gebracht? Diese Fragen bleiben zum Glück unbeantwortet.

Deshalb ein letztes Mal (weil es mir sooo wichtig ist): Ja, all diese teils einschneidenden und für uns alle noch nie dagewesenen Einschränkungen unserer persönlichen Freiheiten waren unbedingt nötig und haben ermöglicht, dass wir zum Glück mit einem blauen Auge davon gekommen sind!

Stefan Schneider
11. Juni 2020